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Peter Wagner

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Peter Wagner wurde am 7. Juni 1956 in Wolfau (Bezirk Oberwart) geboren und lebt als freier Regisseur und Schriftsteller im Südburgenland. Er schreibt Romane, Hörspiele sowie Theaterstücke und macht auch Filme und Musik. Buchveröffentlichungen (Auswahl): Lafnitz. Ein Stück. O Piesa, Deutsch/Rumänisch (edition lex liszt 12, 1992), Tetralogie der Nacktheit. Vier Stücke (edition lex liszt 12, 1995), Wenn wir einmal Engel sind (edition lex liszt 12, 2003), Requiem. Den Verschwiegenen. Ein Versuch über den Widerstand (edition lex liszt 12, 2003), Die Burgenbürger. Die ultimativ märchenhafte, märchenhaft ultimative Geschichtsschreibung eines weithin unerforschten Menschenvolks (edition marlit, 2009), Kreuzigungen. Ein Tryptichon – Roman in drei Richtungen (edition marlit, 2013). 2015 wurde sein Projekt „Wächter über Oberwart“, das er mit dem Offenen Haus Oberwart realisierte, mit dem Bank Austria Kunstpreis 2014 ausgezeichnet.
 

März. Der 24.
Das Massaker von Rechnitz 

Uraufführung: 24. März 1995 im Offenen Haus Oberwart (OHO)

(Auszug )
 
13
 
Der Graf faltet die Zeitung. 
 
GRAF Ich bin dann doch noch einmal zum Bahnhof zurückgeritten. Man hat uns doch tatsächlich noch einmal eine ganze Zugladung voll mit Juden dahergeschickt. An die zweihundert Leute! Sie befinden sich in einem geradezu degoutant elenden Zustand. Konnten sich kaum noch selbst aus den Waggons heraushelfen. Ihr Gestank war unerträglich, ich musste mir ein Taschentuch vorhalten. Als verwesten sie am lebendigen Leib. Drei waren überhaupt schon tot, die liegen jetzt noch auf dem Bahndamm herum. Wie Viehkadaver. Die anderen hatten keine Kraft mehr, sie mitzuschleppen. 
 
GRÄFIN Zweihundert kranke Juden, was macht man mit denen? 
 
GRAF Das ist die Frage. 
 
GRÄFIN In unseren Ställen, da ist doch gar kein Platz mehr. Oder sollen wir die Pferde ins Freie stellen! 
GRAF Einer der Wachleute sagte, man würde sie in die Nähe des Kreuzstadels bringen, dort müssten sie ein größeres Loch ausheben. Für einen Gefechtsbunker. Angeblich. 
 
GRÄFIN Ach, ich verstehe! Sie schaufeln ihr eigenes Grab. Na dann! 
 
GRAF Neu dabei ist jedenfalls, dass man sie zu uns hierherbringt. Als ob man das nicht überall erledigen könnte! Warum sollen wir uns hier die Drecksarbeit antun? 
 
GRÄFIN Wir? Du doch nicht!
 
GRAF Es wird auf uns zurückfallen. Dann, eines Tages, wenn die großen Abrechnungen fällig sind. Man wird uns sehr schnell vorwerfen, dass wir die Kommandatur im Schloss hier beherbergten.
 
GRÄFIN Jaja …
 
GRAF Ich war immer der Meinung, wir sollten uns unsere Autonomie bewahren. Und keinen Pakt mit Leuten eingehen, die von der Veränderung der Welt sprechen.
 
GRÄFIN lacht. Von Veränderung willst du natürlich nichts wissen! Ach mein Lieber, wenn die Welt nur bliebe, wie sie jahrhundertelang war, als alles wusste, wo es hingehört: Der Adel in die Schlösser und auf die Jagd, der Bauer aufs Feld und in die Kirche. Das ist wohl der langweiligste Traum, den ich kenne. 
 
GRAF Ich sehe nur die Tatsachen. Tatsache ist, dass uns der andere Traum, jener vom Beherrscher der Welt, mehr denn je in die Katastrophe geführt hat. Ihr wahres Ausmaß werden wir ohnehin erst erfahren, wenn dieser ganze Alptraum hier zu Ende ist.
 
GRÄFIN Warum hast du nicht gekämpft um dein Schloss, als die Nazis ihre begierlichen Blicke darauf warfen? 
 
GRAF Ich bin keine Kämpfernatur, das weißt du.
 
GRÄFIN Du willst sagen, du hattest es nie nötig, eine zu sein! Du verstehst es sogar jetzt noch, dich zu verstecken. Raushalten ist deine Devise. Nur nicht in Berührung kommen mit dem Geschmeiß, das man verachtet. Mit diesen primitiven Machtmenschen und Schreihälsen, die die Wirtshaussäle beben ließen, zumindest in ihren besseren Zeiten. Es war wohl eher ein hygienisches Problem als eine Frage der Courage!
 
GRAF Ein Problem, das du ja gottseidank nie kanntest!
 
GRÄFIN Wie oft bin ich an diesem Fenster gestanden und habe über die Grenze gesehen, hinüber nach Ungarn. „Dort drüben“, so sagte es der Blumenbinder, „dort hinter dem Zaun beginnt Asien.“ Und etwas in mir antwortet stetig: dort hinter dem Zaun lauert die Vernichtung. Hinter jeder Grenze lauert die Vernichtung. Mir war, als wäre das auch unsere lächerliche Scham vor ihr. Warum wir Grenzen tief in unserem Innersten für etwas Heiliges, Unantastbares halten. Dann kamen die Nazis daher, strahlend, feierlich, machtbesessen. Und ich wusste vom ersten Augenblick an: sie werden dieser Grenze die Scham entreißen. Und nicht nur dieser! Denen ist nichts wirklich heilig, außer der Macht. Und sie taten es vom ersten Tag an! Erinnerst du dich, wie sie die ansässigen Juden am Hauptplatz zusammentrieben und ihnen ihre Reisedokumente wegnahmen?  Schon damals konnten wir sehen, dass sie es ernst meinten mit der Vernichtung. Das war das Abstoßende an ihnen. Und das Faszinierende: sie würden so weit gehen, wie noch nie jemand vor ihnen gegangen war. Sie kannten keine Scham vor der Grenze, vor keiner einzigen! Nein, ich hatte kein Problem mit den Nazis. Auch wenn ich von Anfang an wusste, dass ihr Sturz am Ende ein umso tieferer sein würde. Aber sie werden wieder auferstehen. In allen Teilen der Welt und zu allen Zeiten. Mit anderen Namen und Gesichtern. Und doch mit ein- und demselben gefährlichen Glanz in den Augen. 
 
GRAF Ich habe gut gelebt mit den Grenzen. Bisher zumindest. Und dass ich das jetzt ändert, ist am wenigsten meine Schuld. 
 
GRÄFIN Ich weiß, mein Teddybär, du hast noch nie Schuld gehabt an irgendetwas. Und im Übrigen brauchst du dir die wenigsten Sorgen zu machen: für jede Grenze, die niedergerissen wird, entstehen mindestens zwei neue. Genug zum Festhalten. 
 
Der Graf erhebt sich und holt eine Flasche Calvados. 
 
 
Aus dem Buch: 
© edition lex liszt 12, 1995
 

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