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wurde 2000 im Mittelburgenland geboren, wo sie bereits in ihrer Kindheit ihre Liebe zu Büchern und Geschichten entdeckte. Als Autorin taucht sie gerne in diverse Genres und Gattungen ein und schreibt über Themen, die sie beschäftigen – wie etwa die Schwelle zum Erwachsenwerden oder persönliche Erlebnisse. Seit 2019 lebt sie in Wien, wo sie an der Universität Wien Vergleichende Literaturwissenschaft studiert. Derzeit lernt sie als Praktikantin die Wiener Verlagswelt kennen und schreibt so viel sie kann – sei es für die Uni, einen Verlag oder ihre privaten literarischen Projekte.

Heute holt mich Opa ab

(Auszug)

Im Juni des letzten Jahres sind die Tagebuchseiten leer. Vier Monate hat es gedauert, mit meiner Hand nach der Füllfeder zu greifen und die Jahreszahl in die linke obere Ecke zu schreiben. Oft frage ich mich, ob ich die verlorenen Wochen jemals im Nachhinein einfangen werde. Aber was davon will ich überhaupt behalten?
Lieber ist es mir, ich denke an eine andere Zeit. An die Tage, als mich Opa vom Kindergarten abholt und vergisst, mir die Straßenschuhe anzuziehen. Mit meinen blassblauen Patschen spazieren wir in Richtung Zuhause. Wir lachen, als uns der Fehler bewusst wird und drehen noch einmal um. Damals ist ahne ich nicht, dass ich diesen Tag einmal herbeisehnen werde. Er vergisst meine Schuhe, ich vergesse meine Ängste. Können wir das bitte wiederholen?
Wir gehen weiter, an der alten Steinmauer vorbei und er ermahnt mich, immer aufzupassen, wenn ich an diese Stelle komme. Bruchstücke könnten sich lösen und auf mich herabfallen.
Bis heute hat sich dieser Hinweis eingeprägt und ich ertappe mich dabei, einen Bogen um die Mauer zu machen oder gar die Straßenseite zu wechseln. Ob Opa bewusst ist, wie viel Macht seine Worte haben können? Bei der Vorstellung, dass jeder Satz, den ich sage, im Gedächtnis meines Gegenübers konserviert werden könnte, wird mir etwas mulmig, aber vielleicht kann das auch schön sein.
Oma wartet schon mit einer Portion Apfelkompott am Herd. Der Geruch von Zimt und Nelken überflutet die Küche und steigt mir in die Nase. Die Äpfel hat sie sorgfältig abgeschält, jetzt sind sie ganz weich und ich kann sie mit meinem Löffel zerdrücken. Der Matsch schmeckt gut, fast weihnachtlich. Auch Opa trinkt genüsslich seine Schüssel aus, um den letzten Tropfen Kompott auszukosten. Das ist seine Art. Er bittet mich wegzuschauen und schleckt dann begeistert über das Geschirr, weil es ihm so schmeckt.

aus dem Buch:

Junge Literatur
Burgenland

Hg.: edition lex liszt 12

ISBN: 978-3-99016-205-7

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