Varga Katrin

Flickinger Nadja

geboren 1991 in Kittsee, lebt in Bruckneudorf. Sie besuchte das Gymnasium in Neusiedl am See und studierte anschließend Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Nach langjähriger Tätigkeit im Einzelhandel arbeitet sie seit 2021 als technische Angestellte im Bereich Restaurierung, Konservierung und Denkmalpflege. Mit Die Spuren im Holz veröffentlichte sie bei story.one publishing die Vorgeschichte zu Der Mann mit dem Tisch.

Porträtfoto: Katrin Varga, © @afochfotos

 

 

 

 


 

Junge Literatur Burgenland Vol9Der Mann mit dem Tisch (Auszug)

 

Ich fühlte die üblichen Blicke der Kaffeehaussitzer auf mir und ignorierte sie wie üblich. Drei von vier kleinen Tischen waren besetzt. Kein Wunder an diesem warmen Sonntag im Frühling. Eine sonnige Einladung für alle, ob Sitzer oder Spazierer. Und hier machten es sich gerade einige Sitzer auf den billigen Plastikstühlen an den genauso billigen Plastiktischen bequem. Typische Stapelmöbel, hier in dunkelgrüner Ausführung, um nicht ganz so billig zu wirken.
Ein Mann saß außerhalb der Blumenkisteneinfriedung an einem Tisch, der optisch nicht zu den Gastgartenmöbeln passte. Nicht nur nicht passte, sondern ganz und gar anders war. Im Vorbeigehen konnte ich erkennen, dass es sich um einen quadratischen Holztisch mit floralen Intarsienarbeiten und geschwungenen Beinen handelte, nicht größer als ein Beistelltisch. Er schien aus dunklem Massivholz gearbeitet zu sein, die hellen Intarsien hoben sich farblich vom Untergrund ab. Nicht, dass ich mich mit Möbelstücken besonders gut auskenne. Aber er war für mein Empfinden wunderschön, sorgfältig gefertigt und herrlich anzusehen.
Erst mein zweiter Blick galt dem Mann, der an diesem Tisch saß. Wohl auf einem kleinen Hocker, einen Stuhl konnte ich nicht erkennen. Er war schmächtig, aber nicht untersetzt, und trug über einer dunklen Stoffhose und einem weißen Hemd einen langen schwarzen Wollmantel mit Knopfleiste. Bei diesen warmen Temperaturen doch etwas ungewöhnlich, aber noch nicht sonderbar. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, es wurde durch den schwarzen Hut mit Krempe verdeckt. Diesen hatte er tief ins Gesicht gezogen und sah, gerade in dem Moment, als ich vorbeispazierte, nach unten. Seine Arme hatte er auf dem Tisch abgestützt und seine Hände gefaltet. Die üblichen Blicke der Kaffeehaussitzer ruhten dennoch auf mir, als ich vorbeispazierte, nicht auf ihm. Obwohl er alleine außerhalb des Gastgartens an einem eigenwilligen Tisch saß. Obwohl ein Tisch im Gastgarten des Kaffeehauses frei war. Obwohl es hier in der Sonne doch irgendwann zu warm werden musste. Obwohl es untypisch war für diese Kleinstadt und ihr Kleinstadtleben.

Die Momentaufnahme war so schnell wieder vorbei, wie sie begonnen hatte. Ich setzte meinen Rückweg fort und kehrte nach Hause zurück, nicht ohne mich über das eben Gesehene zu wundern.

 
aus dem Buch: Junge Literatur Burgenland; Band 10 edition lex liszt 12, 2026