geboren 2006 in Eisenstadt, lebt in Gols. Sie absolvierte die Handelsschule (HAS) in Neusiedl am See.
Tena Topić wuchs zweisprachig in einer kroatischen Familie auf, die nach dem Jugoslawienkrieg aus Duboševica, einem kleinen Dorf in der Baranja nahe der ungarischen Grenze, nach Österreich kam. Erste literarische Versuche unternahm sie in englischer Sprache. Durch die Ermutigung ihrer Deutschprofessorin begann sie, auch auf Deutsch zu schreiben. Ein prägender Moment war die Aufnahme eines ihrer Gedichte in die Sammlung der Frankfurter Bibliothek 2024 – eine Erfahrung, die sie in ihrem Schreiben bestärkte.
Seitdem schreibt sie regelmäßig und widmet sich vor allem Kurzgeschichten, die vertraute Themen aus ungewohnten Blickwinkeln betrachten. Dabei interessiert sie weniger eine Antwort als die Geschichte dahinter.
Porträtfoto: Tena Topić, © Tena Topić
![Junge Literatur Burgenland Vol9]()
Ich blieb (Auszug)
Dann begann sich das Dorf zu verändern. Nicht plötzlich. Kriege klopfen nicht an. Sie schleichen sich ein. In Gespräche, die plötzlich verstummen. In Blicke, die immer öfter zum Horizont wandern, in Stimmen aus dem Radio, die von Tag zu Tag ernster klingen. Die Abende im Garten wurden kürzer, die Fenster wurden früher geschlossen. Worte wurden immer leiser, bis sie fast komplett verstummten. Denn nun waren sie gefährlich. Worte konnten einen nun etwas kosten.
Eines Morgens zog auch der Vater mit den anderen Männern des Dorfes fort. Diesmal trug er keine Arbeitskleidung, sondern eine Uniform. Der Junge stand an meiner Tür und sah ihm nach, wie seine Silhouette langsam mit den anderen verschwand. Er winkte ihm nicht oder rief ihm zu. Zwischen ihnen lagen zu viele unausgesprochene Worte.
Dann wurde es lange Zeit still. So still, dass selbst die Stille einem auffiel.
Der Junge übernahm die Aufgaben, die früher die des Vaters waren. Er schleppte das Holz zum Heizen, half der Mutter im Garten und versuchte, stark zu sein, obwohl Kinder niemals stark sein müssen sollten.
Abends kletterte er oft auf den Balkon. Früher hatte er dort die Sterne beobachtet und die Ruhe der Nacht genossen. Nun beobachtete er die Straße, als würde er auf jemanden oder etwas warten. Als könnte jeden Moment die Silhouette seines Vaters um die Ecke kommen und der Albtraum neu beginnen. Doch er kam nicht, sondern andere.
Ein Lastwagen hielt auf dem Dorfplatz vor der Kirche. Ich konnte ihn nicht sehen, aber ich hörte ihn. Er war so laut. Türen, die zuschlugen, hastige Schritte, die über den Beton liefen. Menschen schrien, sie weinten. Menschen suchten einander, riefen Namen. Hofften auf Antworten, von denen sie wussten, sie würden nicht kommen. Und mitten darin stand ein Junge, der erst zwölf Jahre alt war.
aus dem Buch: Junge Literatur Burgenland; Band 10 edition lex liszt 12, 2026
